Der etwas andere Italiener: das Gufo in Giesing - München - SZ.de

Geschrieben von Barbara· 7 Min. Lesezeit
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Wer in München nach einem Italiener sucht, denkt zuerst an Schwabing, an die gut geölten Terrassen der Maxvorstadt oder an die unvermeidlichen Touristenfallen rund um den Marienplatz. Giesing liegt auf der anderen Seite dieser Erwartung. Der Stadtteil im Süden der Stadt, lange als Arbeiterviertel abgestempelt, heute von einer ruhigen Eigendynamik erfasst, beherbergt seit einiger Zeit das Gufo — ein Lokal, das seinen Namen nicht umsonst nach der Eule trägt. Eulen schlafen, wenn alle anderen wach sind, und sie sehen in der Dunkelheit, was anderen verborgen bleibt.

Das Gufo ist kein Ristorante im klassischen Sinne, kein Ort mit karierten Tischdecken und Grissini im Papierröhrchen. Es ist ein Ort, der zeigt, wie italienische Küche in München gerade neu verhandelt wird — präziser, persönlicher, weniger auf Nostalgie gebaut. Dieser Text erkundet, was das Gufo von anderen Italienern in der Stadt unterscheidet, warum Giesing der richtige Ort dafür ist und welche Küche einen in diesem kleinen Lokal erwartet.

Giesing als kulinarischer eigensinn

Giesing war lange kein Ort, an dem man essen gehen wollte. Man wohnte dort, man fuhr dorthin heim, man kannte den Auer Mühlbach und die steile Gasse am Gasteig — aber man machte keinen Abend daraus. Das hat sich geändert. Seit einigen Jahren siedeln sich in Giesing Lokale an, die nicht nach dem Mainstream schielen, sondern nach ihrem eigenen Rhythmus arbeiten. Das Gufo gehört zu dieser Schicht neuer Adressen, die keine Angst vor einem Standort ohne Laufkundschaft haben.

Diese geografische Nische hat einen direkten Einfluss auf die Atmosphäre. Wer ins Gufo kommt, kommt wegen des Gufo. Er hat sich entschieden, ist die Straße entlanggegangen, hat vielleicht kurz an der Tür gezögert — und tritt dann in einen Raum, der nicht für Zufällige gebaut wurde. Die Stammgäste kennen sich untereinander, die Distanz zwischen Küche und Tisch ist kurz, das Gespräch mit den Betreibenden kein aufgesetztes Serviceritual.

Was die Küche erzählt

Die Karte des Gufo ist nicht lang. Das ist eine bewusste Entscheidung, keine Sparmaßnahme. Kurze Karten in kleinen Küchen bedeuten: weniger Lagerware, frischere Zutaten, konzentriertere Handschrift. Im April, wenn der Münchner Markt die ersten deutschen Spargel noch nicht ganz auftreibt, die Radieschen aber schon mit Kraft kommen und die Spinaci in den Auslagen leuchten, arbeitet eine solche Küche zwangsläufig mit dem, was ist.

Italiens Regionalküche hat nie auf der Vollständigkeit bestanden. Sie hat auf dem Vorliegenden bestanden. Ein Carciofo alla romana, ein in Olivenöl und Minze geschmorter Artischockenherz, braucht keine aufwändige Logistik — er braucht den richtigen Artischocken und das Wissen, wie lange er zu schmoren hat. Das Gufo scheint diesem Prinzip zu folgen: Einfachheit als Ausdruck von Können, nicht als Verlegenheitslösung.

Berichte über das Lokal erwähnen wiederholt, dass die Pasta handgemacht ist — nicht als Marketingversprechen auf der Karte, sondern als sichtbare, spürbare Tatsache. Frische Pasta hat eine andere Porosität als getrocknete; sie nimmt die Sauce anders auf, sie hat einen anderen Biss, ein anderes Gewicht im Mund. Eine Tagliatelle al ragù aus frischer Pasta ist ein anderes Gericht als dieselbe Kombination mit industriell getrocknetem Nudeln. Das klingt trivial, ist es aber nicht — denn der Aufwand für tägliche Pastaproduktion in einem kleinen Lokal ohne großes Team ist beträchtlich.

Der andere Italiener: was das bedeutet

„Der etwas andere Italiener" — diese Formulierung ist zunächst ein Versprechen, das auch enttäuscht werden kann. Sie verheißt Abweichung vom Standard, ohne den Standard zu benennen. Im Fall des Gufo scheint diese Abweichung mehrere Ebenen zu haben.

Erstens die Weinauswahl. Viele Münchner Italiener bieten Wein aus den großen, bekannten Regionen: Toskana, Piemont, Venetien. Das Gufo soll auch unbekanntere Herkunftsregionen im Angebot führen — Kampanien, Kalabrien, Sardinien — Gegenden, die weintouristisch weniger ausgetreten sind, aber Flaschen hervorbringen, die im direkten Kontakt mit dem Essen mehr Überraschung bieten. Ein Aglianico aus den Hügeln des Vulture, dunkel und gerbstoffreich, zu einem langsam geschmorten Fleisch: das ist eine andere Unterhaltung als die übliche Sangiovese-Routine.

Zweitens die Portionsgröße und der Rhythmus. Statt eines dreigliedrigen Menüs nach Schema F scheint das Gufo eher auf kleinere Gerichte zu setzen, die man kombiniert, die den Abend verlangsamen und ausweiten. Diese Esskultur ist in Italien selbstverständlich — in München, wo das Sattwerden oft noch als primäres Restaurantziel gilt, ist sie weniger verbreitet.

Drittens der Ton. Klein, persönlich, ohne das demonstrative Gestikulieren mancher Konkurrenten. Kein Kellner, der auf Bestellung das Pfeffer mahlt, als wäre es eine Vorführung. Kein Kerzenlicht, das mehr über die Inneneinrichtung aussagt als über die Speisen. Das Gufo ist — soweit sich das aus Berichten erschließen lässt — ein Lokal, das seine Qualität nicht erklärt, sondern arbeitet.

Frühling auf dem Teller

Mitte April ist eine der produktiveren Phasen des kulinarischen Jahres in Bayern. Bärlauch ist auf dem Markt, seine kurze Saison läuft in diesen Wochen auf dem Höhepunkt. Die ersten Morcheln tauchen auf, rar und teuer, aber da. Frühe Kräuter wie Petersilie und Kerbel treiben üppig. Für eine Küche, die mit dem Markt arbeitet, ist das eine Zeit, in der die Karte fast von selbst entsteht.

In der italienischen Küchentradition gibt es eine enge Entsprechung dazu: die cucina povera des Frühlings, die aus dem ersten Grün das Meiste machte, lange bevor der Begriff auf Speisekarten instrumentalisiert wurde. Risotto al Bärlauch wäre in Norditalien kein Widerspruch; Frittata di erbe selvatiche ebenso wenig. Ein Lokal wie das Gufo, das zwischen bayerischer Herkunft seiner Gäste und italienischer Herkunft seiner Küche vermittelt, hat hier eine naheliegende Brücke.

Warum solche Orte zählen

München hat viele Italiener. Die Stadt hat wenige, die etwas riskieren. Das Risiko des Gufo ist die Summe seiner Entscheidungen: der Standort ohne Garantie, die kurze Karte ohne Sicherheitsnetz, die handgemachte Pasta ohne Zeitpuffer, der Wein aus Regionen ohne Bekanntheitsgarantie. Diese Entscheidungen sind keine Ausrutscher — sie beschreiben eine Haltung.

Solche Lokale sind nicht für jeden Abend gedacht. Sie sind für den Abend gedacht, an dem man genauer hinschauen will, ruhiger essen möchte, mehr über ein Glas Wein nachdenken mag als es zu leeren. Sie funktionieren, weil ihre Betreiber wissen, wofür sie stehen — und weil in Giesing inzwischen genug Menschen wohnen und hinkommen, die das ebenfalls wissen wollen.

Ein Restaurant ist nicht das, was es verspricht. Es ist das, was es wiederholt tut, wenn niemand hinschaut — das Einweichen der Bohnen am Vorabend, das Abschmecken um elf Uhr morgens, das Öffnen einer Flasche, die man für den Abend nicht sicher braucht.

Ein blick zurück, ohne schnörkel

Das Gufo in Giesing ist kein Geheimtipp mehr, sobald man von ihm weiß. Aber es ist ein Hinweis: darauf, dass gute Küche nicht im Spotlight entstehen muss, dass Giesing kein Kürzel für Abwesenheit von Qualität ist und dass der Begriff „Italiener" in München noch Variationen verträgt, die ihn wirklich meinen.

Fragen zum Gufo in Giesing

Muss man im Gufo reservieren?

Bei kleinen Lokalen dieser Art ist eine Reservierung nahezu immer empfehlenswert. Das Gufo verfügt über begrenzte Plätze, und gerade an Donnerstag- bis Samstagabenden ist die Auslastung erfahrungsgemäß hoch. Ein Anruf oder eine Nachricht im Voraus erspart den Weg nach Giesing ohne Tisch.

Wie ist die preisklasse?

Das Gufo positioniert sich im mittleren Segment — keine Trattoria-Preise, aber auch kein Fine-Dining-Aufschlag. Für ein Abendessen mit zwei Gängen und einem Glas Wein ist ein Budget von etwa 40 bis 60 Euro pro Person realistisch, abhängig von Weinauswahl und Anzahl der Gerichte.

Gibt es vegetarische oder vegane optionen?

Italienische Küche bietet von Haus aus viele vegetarische Möglichkeiten — Antipasti aus Gemüse, Pasta mit Kräuter- oder Tomatensaucen, Risotto. Da die Karte des Gufo saisonal und kurz ist, lohnt sich eine direkte Nachfrage beim Besuch oder vorab, welche Gerichte an dem jeweiligen Abend ohne Fleisch oder Fisch verfügbar sind.

Ist das gufo auch zum mittagessen geöffnet?

Kleine Küchen dieser Art arbeiten häufig nur abends, um die Qualität und den Personalaufwand zu konzentrieren. Ob das Gufo Mittagsöffnungszeiten anbietet, ist direkt beim Lokal zu erfragen — die Zeiten können saisonal variieren.

Wie kommt man am besten nach Giesing?

Giesing ist mit der U-Bahn-Linie U2 (Haltestelle Silberhornstraße oder Giesing) und der S-Bahn gut erreichbar. Mit dem Auto ist Parken in den Seitenstraßen abends meist möglich, aber kein Selbstläufer. Die öffentliche Anreise empfiehlt sich auch deshalb, weil man einen Abend mit gutem Wein unbesorgt beenden kann.

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