Gelenkschonend trainieren: 4 Übungen für Beine und Gesäß ohne Kniebelastung

Geschrieben von Annika · 10 Min. Lesezeit

Aktualisiert am vor 2 Stunden

Knieschmerzen beim Training gehören zu den häufigsten Gründen, warum Menschen ihr bein- und gesäßtraining komplett aufgeben. Dabei liegt das Problem selten an der Muskulatur selbst, sondern an der Übungsauswahl: tiefe Kniebeugen, Ausfallschritte mit Zusatzgewicht oder plyometrische Sprünge erzeugen hohe Scherkräfte im Kniegelenk, die bei Vorbelastungen, Knorpelabnutzung oder nach Verletzungen schnell zu Beschwerden führen. Die gute Nachricht: es gibt wirkungsvolle Alternativen, die Oberschenkel, hintere Kette und Gesäßmuskulatur gezielt aktivieren — ganz ohne das Knie in die Mangel zu nehmen. Gerade jetzt im Frühling, wenn die Motivation zur Bewegung zurückkehrt und der Körper nach den inaktiveren Wintermonaten wieder in Schwung kommen will, lohnt sich ein gelenkfreundlicher Einstieg besonders.

Die folgenden vier Übungen setzen auf Hüftdominanz statt Kniedominanz. Das bedeutet: die Hauptbewegung findet im Hüftgelenk statt, das Knie bleibt weitgehend in einem stabilen, wenig belasteten Winkel. Die Übungen lassen sich ohne Geräte zu Hause durchführen, eignen sich für Anfänger wie für Wiedereinsteiger und erfordern pro Durchgang nur rund 20 Minuten. Wer heute anfängt, wird innerhalb weniger Wochen spüren, wie sich die Stabilität im Alltag verändert — beim Treppensteigen, beim Aufstehen, beim Spaziergang im Park.

Dauer des ProgrammsFortlaufend, Übungen einzeln oder als Zirkel kombinierbar
Dauer pro Einheit~15–20 min
Frequenz3-mal pro Woche, mit mindestens einem Ruhetag dazwischen
NiveauAnfänger bis Fortgeschrittene
MaterialFitnessmatte oder Teppich, optional: Miniband, Stuhl
HauptzielKräftigung von Gesäß, hinterer Oberschenkelmuskulatur und äußerer Hüfte — ohne Kniebelastung
Ideale SaisonGanzjährig, besonders geeignet zur Frühjahrs-Wiederaufnahme

Vor dem Start: Besprechen Sie sich mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, wenn Sie akute Kniebeschwerden haben, nach einer Operation am Knie- oder Hüftgelenk trainieren möchten oder länger als sechs Monate nicht körperlich aktiv waren. Bei akuter Entzündung, Schwellung oder Instabilität im Kniegelenk ist dieses Programm nicht geeignet. Sollten während einer Übung stechende Schmerzen im Knie auftreten, brechen Sie sofort ab und lassen Sie die Ursache ärztlich abklären.

Material und Umgebung

  • Eine rutschfeste Unterlage — Fitnessmatte, dicker Teppich oder Yogamatte
  • Ein stabiler Stuhl oder eine Sofakante für Übung 3
  • Optional: ein Miniband (leichter bis mittlerer Widerstand) für Übung 4
  • Bequeme Kleidung, die Bewegungsfreiheit in der Hüfte erlaubt
  • Ein Raum mit genügend Platz, um sich flach auf den Rücken zu legen und die Arme seitlich auszustrecken

Die vier Übungen

Übung 1 — Glute Bridge (Beckenheben)

Legen Sie sich auf den Rücken, die Füße hüftbreit aufgestellt, die Knie zeigen zur Decke. Die Arme liegen entspannt neben dem Körper, die Handflächen drücken leicht in den Boden. Heben Sie nun das Becken an, indem Sie bewusst die Gesäßmuskulatur anspannen — nicht den unteren Rücken. In der oberen Position bilden Oberschenkel, Hüfte und Schultern eine gerade Linie. Halten Sie diese Position für zwei bis drei Sekunden und spüren Sie dabei eine deutliche Spannung in beiden Gesäßhälften. Senken Sie das Becken kontrolliert wieder ab, ohne es ganz auf dem Boden abzulegen, und wiederholen Sie die Bewegung.

Das Knie bleibt während der gesamten Übung in einem Winkel von ~90 Grad und bewegt sich kaum. Die Arbeit verrichtet die Gluteus-maximus-Muskulatur, der größte und kräftigste Muskel des menschlichen Körpers. 3 Sätze à 12–15 Wiederholungen. Wer die Übung als zu leicht empfindet, kann einbeinig arbeiten: ein Bein gestreckt in der Luft halten, das andere drückt allein das Becken nach oben.

Übung 2 — Romanian Deadlift ohne Gewicht (Einbeiniges Kreuzheben)

Stellen Sie sich aufrecht hin, das Gewicht auf dem linken Fuß. Das linke Knie ist minimal gebeugt — gerade so viel, dass es nicht durchgestreckt ist, aber es verändert seinen Winkel während der gesamten Übung nicht. Kippen Sie den Oberkörper nun langsam nach vorne, während das rechte Bein als Gegengewicht nach hinten ausgestreckt wird. Die Hüfte ist die einzige Achse, die sich bewegt. Stellen Sie sich eine Wippe vor: Oberkörper und hinteres Bein bilden eine Linie, die sich um das Hüftgelenk dreht.

Gehen Sie so weit nach vorne, bis Sie eine deutliche Dehnung an der Rückseite des Standbeins spüren — in der ischiokruralen Muskulatur, also den Muskeln der hinteren Oberschenkelrückseite. Dann richten Sie sich kontrolliert wieder auf, indem Sie die Gesäßmuskulatur des Standbeins aktiv zusammendrücken. 3 Sätze à 8–10 Wiederholungen pro Seite. Balance-Schwierigkeiten sind anfangs völlig normal. Stützen Sie sich mit den Fingerspitzen an einer Wand oder Stuhllehne ab, bis die Stabilität zunimmt.

Übung 3 — Hip Thrust am Stuhl

Setzen Sie sich vor einen stabilen Stuhl, den Rücken an die Sitzkante gelehnt, die Schulterblätter auf der Stuhloberfläche. Die Füße stehen hüftbreit, die Knie bilden in der oberen Position einen ~90-Grad-Winkel. Drücken Sie nun das Becken kraftvoll nach oben, bis der Oberkörper vom Knie bis zur Schulter eine waagerechte Linie bildet. Die Kraft kommt ausschließlich aus der Gesäßmuskulatur — der untere Rücken bleibt neutral, der Blick geht leicht nach vorne-unten, nicht zur Decke.

In der obersten Position sollten Sie eine intensive Kontraktion in beiden Gesäßhälften spüren, fast wie ein Zusammenkneifen. Senken Sie das Becken langsam ab, zählen Sie dabei bis drei. Das Knie bewegt sich kaum, die gesamte Dynamik entsteht im Hüftgelenk. 3 Sätze à 10–12 Wiederholungen. Achten Sie darauf, dass der Stuhl nicht wegrutscht — stellen Sie ihn gegen eine Wand oder nutzen Sie ein schweres Möbelstück als Widerlager.

Übung 4 — Seitliches Beinheben im Stehen (mit optionalem Miniband)

Stellen Sie sich aufrecht hin, eine Hand hält sich an der Wand oder Stuhllehne fest. Das Standbein ist leicht gebeugt, der Fuß fest im Boden verankert. Heben Sie das äußere Bein langsam und kontrolliert zur Seite — nicht nach vorne, nicht nach hinten, sondern exakt seitlich. Die Bewegung kommt aus der äußeren Hüftmuskulatur, dem Gluteus medius, einem Muskel, der für die seitliche Stabilität des Beckens und damit für die Knieführung entscheidend ist.

Heben Sie das Bein nur so weit, bis Sie eine klare Spannung an der Außenseite der Hüfte spüren — bei den meisten Menschen liegt das bei ~30 bis 45 Grad. Höher ist nicht besser, denn ab einem bestimmten Punkt übernimmt die Lendenwirbelsäule die Arbeit. Senken Sie das Bein langsam ab, ohne es am Standbein abzusetzen, und heben Sie es direkt wieder an. 3 Sätze à 15 Wiederholungen pro Seite. Mit einem Miniband um beide Knöchel oder knapp oberhalb der Knie steigt der Widerstand spürbar — eine lohnende Steigerung ab der dritten oder vierten Trainingswoche.

Ce que dit la science

Hüftdominante Übungen wie die Glute Bridge und der Hip Thrust zählen laut sportwissenschaftlicher Fachliteratur zu den Bewegungen mit der höchsten Aktivierung der Gesäßmuskulatur — bei gleichzeitig minimaler Belastung des vorderen Kreuzbands und der Kniescheibenrückfläche. Der Grund: das Knie bleibt in einem moderaten Beugewinkel, ohne dass Scherkräfte entstehen, wie sie bei tiefen Kniebeugen oder Beinpressen mit hohem Gewicht auftreten. Studien zur Rehabilitation nach Kreuzbandverletzungen setzen deshalb regelmäßig auf genau diese Übungsgruppe als frühe Belastungsstufe. Die seitliche Hüftstabilisation durch den Gluteus medius wiederum beeinflusst direkt die Knieachse: Eine schwache Außenrotation der Hüfte gilt als einer der häufigsten biomechanischen Faktoren für Kniebeschwerden beim Laufen und Treppensteigen.

Der Blick des Profis

Viele Trainierende unterschätzen, wie stark die Gesäßmuskulatur im Alltag einschläft — besonders nach langen Sitzphasen im Winter. Die erste Herausforderung ist oft gar nicht die Kraft, sondern die Ansteuerung: das Gehirn muss erst wieder lernen, den Gluteus gezielt anzusprechen. Wer bei der Glute Bridge vor allem die hintere Oberschenkelmuskulatur spürt, sollte das Tempo verlangsamen und oben zwei Sekunden bewusst „zusammenkneifen“. Die Knieschonung ergibt sich bei diesen Übungen fast automatisch — solange man nicht in den Fehler verfällt, das Becken durch Schwung statt durch Muskelkraft zu heben.

Ernährung und Regeneration

Für den Aufbau und Erhalt von Muskulatur benötigt der Körper ausreichend Protein — orientierungsweise ~1,2 bis 1,6 g pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, verteilt auf mehrere Mahlzeiten. Gute Quellen sind Hülsenfrüchte, Magerquark, Eier, Fisch und mageres Fleisch. Ausreichend Flüssigkeit ist gerade bei Frühlingsbeginn wichtig, wenn die Temperaturen steigen und der Körper unbemerkt mehr Wasser verliert — ~1,5 bis 2 Liter Wasser pro Tag als Richtwert, bei Training entsprechend mehr.

An trainingsfreien Tagen eignen sich leichte Dehnübungen für die Hüftbeuger und die hintere Oberschenkelmuskulatur. Sieben bis acht Stunden Schlaf unterstützen die Muskelregeneration messbar. Wer nach dem Training eine angenehme Schwere in den Beinen und im Gesäß spürt, darf das als gutes Zeichen werten — hält die Empfindung jedoch länger als 72 Stunden an oder geht sie mit Schwellung einher, ist ein Ruhetag mehr die klügere Wahl.

Das Programm an den eigenen Körper anpassen

Wer über 60 ist oder lange nicht trainiert hat, beginnt mit 2 Sätzen statt 3 und reduziert die Wiederholungszahl um ein Drittel. Die einbeinigen Varianten können zunächst durch die beidbeinige Grundversion ersetzt werden, bis die Stabilität vorhanden ist. Bei bekannter Hüftarthrose sollte das seitliche Beinheben zunächst im Liegen auf der Seite ausgeführt werden, um die Belastung auf das Standbein zu vermeiden. Schwangere im zweiten und dritten Trimester können die Glute Bridge weiterhin ausführen, sollten den Hip Thrust am Stuhl aber mit ihrem behandelnden Arzt oder ihrer Hebamme besprechen.

Zeichen, dass sich etwas tut: die Gesäßmuskulatur ist nach dem Training spürbar „wach“, das Aufstehen vom Stuhl fühlt sich stabiler an, beim Gehen nimmt die Bodenkontrolle zu. Anzeichen, bei denen Sie eine ärztliche oder physiotherapeutische Abklärung einholen sollten: stechender Schmerz im Knie trotz gelenkschonender Übungsausführung, Taubheitsgefühle im Bein oder eine Seitendifferenz, die sich über Wochen nicht angleicht.

Geschätztes Materialbudget (Richtwerte, je nach Anbieter und Zeitpunkt variabel)

PostenRichtwert
Fitnessmatte~15–30 €
Miniband-Set (3 Stärken)~8–15 €
Stabiler Stuhl (meist vorhanden)0 €
Gesamtkosten Einstieg~15–45 €

Häufige Fragen

Kann ich diese Übungen auch mit einem künstlichen Kniegelenk machen?

Grundsätzlich sind hüftdominante Übungen nach vollständiger Rehabilitation einer Knie-TEP oft möglich und sogar empfehlenswert, da sie die stützende Muskulatur rund um das Gelenk kräftigen. Die Freigabe hängt jedoch vom individuellen Heilungsverlauf und der Art der Prothese ab. Sprechen Sie vor dem Start unbedingt mit Ihrem Orthopäden oder Ihrer Physiotherapeutin — sie können einschätzen, ob und in welcher Intensität die Übungen für Sie sicher sind.

Was mache ich, wenn ich bei der Glute Bridge vor allem den unteren Rücken spüre?

Das ist oft ein Zeichen dafür, dass die Gesäßmuskulatur noch nicht ausreichend angesteuert wird und der untere Rücken kompensiert. Versuchen Sie, die Füße etwas weiter vom Körper weg aufzustellen und das Becken vor dem Anheben leicht nach hinten zu kippen — wie eine sanfte Einrollung. Drücken Sie oben bewusst die Gesäßhälften zusammen und halten Sie die Position zwei Sekunden. Wenn das Rückengefühl bleibt, reduzieren Sie die Höhe der Bewegung und steigern Sie über die Wochen langsam.

Wie schnell werde ich Ergebnisse bemerken?

Die ersten Veränderungen sind meist funktioneller Natur und treten nach ~zwei bis drei Wochen regelmäßigen Trainings auf: bessere Stabilität beim Gehen, ein spürbares „Einschalten“ der Gesäßmuskulatur bei Alltagsbewegungen, weniger Müdigkeit in den Beinen am Abend. Sichtbare Veränderungen in der Muskulatur brauchen in der Regel acht bis zwölf Wochen. Erwarten Sie keine linearen Fortschritte — Wochen mit spürbarer Verbesserung wechseln sich mit Plateauphasen ab, und das ist physiologisch normal.

Kann ich die Übungen mit meinem Lauftraining kombinieren?

Ja, die Kombination ist sogar sinnvoll: eine kräftige Hüft- und Gesäßmuskulatur stabilisiert das Knie beim Laufen und kann Überlastungsschmerzen vorbeugen. Legen Sie das Krafttraining idealerweise an lauffreie Tage oder führen Sie die Übungen vor dem Laufen als Aktivierung durch — dann allerdings mit reduzierter Satzzahl. Vermeiden Sie intensives Beintraining und einen langen Lauf am selben Tag, wenn Sie Kniebeschwerden vorbeugen möchten.

Reichen diese vier Übungen für ein vollständiges Beintraining?

Für eine gelenkschonende Grundkräftigung von Gesäß, hinterer Oberschenkelmuskulatur und seitlicher Hüftstabilisation decken die vier Übungen die wichtigsten Bewegungsmuster ab. Es fehlt jedoch eine gezielte Kräftigung der vorderen Oberschenkelmuskulatur (Quadrizeps) und der Wadenmuskulatur. Wer beschwerdefrei ist, kann das Programm mit isometrischen Wandsitzen oder Wadenheben ergänzen. Bei bestehenden Knieproblemen sollte die Erweiterung mit einem Physiotherapeuten abgestimmt werden.

Dieser Artikel dient der Information und allgemeinen Aufklärung. Er ersetzt nicht die Beratung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine qualifizierte Fachperson im Gesundheitswesen. Bei anhaltenden Beschwerden, Schmerzen oder Unsicherheiten wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder eine physiotherapeutische Praxis.

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