Kniearthrose ab 60: Warum Gehen laut Uniklinik Heidelberg besser wirkt als Schonung

Geschrieben von Barbara· 5 Min. Lesezeit
Kniearthrose ab 60: Warum Gehen laut Uniklinik Heidelberg besser wirkt als Schonung
Kniearthrose ab 60: Warum Gehen laut Uniklinik Heidelberg besser wirkt als Schonung

Knieschmerzen beim Treppensteigen, Steifheit am Morgen, ein dumpfes Ziehen nach längerem Sitzen – viele Menschen ab 60 kennen diese Beschwerden aus ihrem Alltag. Die Diagnose lautet häufig Gonarthrose, also Kniegelenksarthrose. Lange galt Schonung als die naheliegende Antwort auf Gelenkschmerzen. Doch aktuelle Erkenntnisse aus der Orthopädie, unter anderem aus der Universitätsklinik Heidelberg, zeichnen ein anderes Bild: gezieltes Gehen kann wirksamer sein als Ruhe.

Was ist Gonarthrose ?

Definition und Entstehung

Die Gonarthrose ist eine degenerative Erkrankung des Kniegelenks, bei der der Knorpel, der die Gelenkflächen überzieht, allmählich abgebaut wird. Dieser Prozess führt dazu, dass die Knochen zunehmend aufeinanderreiben, was Schmerzen, Entzündungen und Bewegungseinschränkungen verursacht. Die Erkrankung entwickelt sich meist schleichend über viele Jahre.

Häufigkeit und Risikofaktoren

Gonarthrose gehört zu den häufigsten Gelenkerkrankungen in Deutschland. Ab dem 60. Lebensjahr steigt die Prävalenz deutlich an. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen :

  • Übergewicht, das die Gelenke dauerhaft überlastet
  • Frühere Knieverletzungen oder Operationen
  • Genetische Veranlagung
  • Berufliche oder sportliche Überbelastung in jüngeren Jahren
  • Bewegungsmangel, der die gelenkstabilisierende Muskulatur schwächt

Das Verständnis dieser Faktoren ist entscheidend, um die Bedeutung von Bewegung als therapeutisches Mittel besser einordnen zu können.

Die Symptome der Kniearthrose nach 60 Jahren

Typische Beschwerden im Alltag

Die Kniearthrose äußert sich bei Menschen ab 60 Jahren auf charakteristische Weise. Der sogenannte Anlaufschmerz – also Schmerzen zu Beginn einer Bewegung nach längerer Ruhe – ist eines der ersten Zeichen. Hinzu kommen :

  • Schwellungen und Wärme im Kniebereich
  • Knirschende oder knackende Geräusche beim Bewegen
  • Steifheit, besonders morgens oder nach dem Sitzen
  • Schmerzen beim Treppensteigen oder beim Bergabgehen
  • Eingeschränkte Beweglichkeit des Gelenks

Verlauf und Schweregrade

Die Erkrankung verläuft in Stadien. Im Frühstadium sind die Beschwerden noch moderat und treten vor allem bei Belastung auf. Im fortgeschrittenen Stadium können Schmerzen auch in Ruhe auftreten. Eine frühzeitige Diagnose und eine gezielte Behandlung – zu der auch Bewegungstherapie gehört – können den Verlauf deutlich verlangsamen.

Diese Symptome sind nicht nur ein Warnsignal, sondern auch ein Hinweis darauf, dass das Gelenk aktive Unterstützung benötigt – und genau hier setzt die Frage nach der richtigen Bewegungsform an.

Warum ist Gehen bei Arthrose vorteilhaft ?

Knorpelernährung durch Bewegung

Der Gelenkknorpel verfügt über keine eigenen Blutgefäße. Er wird durch den sogenannten Diffusionsprozess ernährt: beim Belasten und Entlasten des Gelenks wird Gelenkflüssigkeit, die sogenannte Synovia, in den Knorpel hineingepresst und wieder herausgepresst. Dieser Mechanismus funktioniert nur bei Bewegung. Wer sich schont, unterbricht diesen Ernährungskreislauf und beschleunigt damit paradoxerweise den Knorpelabbau.

Muskelaufbau und Gelenkstabilität

Regelmäßiges Gehen stärkt die Oberschenkel- und Wadenmuskulatur, die das Kniegelenk stabilisiert und entlastet. Eine gut trainierte Muskulatur wirkt wie ein natürlicher Stoßdämpfer. Sie reduziert die direkte Belastung auf die Gelenkflächen und verringert dadurch das Schmerzempfinden. Gleichzeitig verbessert Gehen die Koordination und das Gleichgewicht, was das Sturzrisiko bei älteren Menschen senkt.

Entzündungshemmende Wirkung

Moderates Ausdauertraining wie Gehen hat nachweislich entzündungshemmende Effekte. Es reduziert die Konzentration entzündungsfördernder Botenstoffe im Blut und fördert die Ausschüttung körpereigener schmerzlindernder Substanzen. Dieser Effekt ist besonders relevant bei der Gonarthrose, die häufig mit lokalen Entzündungsreaktionen einhergeht.

Studien der Uniklinik Heidelberg

Forschungsschwerpunkt Bewegungstherapie

Die Universitätsklinik Heidelberg gehört zu den führenden Einrichtungen in Deutschland, die sich mit der konservativen Behandlung von Gelenkerkrankungen befassen. Forschungsarbeiten aus dem Bereich der orthopädischen Rehabilitation haben gezeigt, dass strukturierte Gehprogramme bei Patienten mit Gonarthrose zu einer messbaren Verbesserung der Lebensqualität führen. Die Schmerzintensität nahm bei regelmäßig gehenden Patienten deutlich ab, während die Gelenkfunktion sich verbesserte.

Ergebnisse im Überblick

Die Erkenntnisse aus Heidelberg decken sich mit internationalen Studien und lassen sich wie folgt zusammenfassen :

  • Patienten, die täglich 30 Minuten gingen, berichteten nach acht Wochen über weniger Schmerzen
  • Die Gelenksteifigkeit nahm bei der Gehgruppe stärker ab als bei der Schonengruppe
  • Die Muskelkraft im Oberschenkel verbesserte sich signifikant
  • Das allgemeine Wohlbefinden und die Mobilität stiegen nachweislich

Diese Ergebnisse unterstreichen, dass Schonung bei Gonarthrose keine therapeutisch sinnvolle Strategie darstellt, sondern im Gegenteil den Krankheitsverlauf verschlechtern kann.

Wie man das Gehen in den Alltag integriert

Schrittweise vorgehen

Wer bisher wenig aktiv war, sollte langsam beginnen. Schon 10 bis 15 Minuten Gehen täglich können einen positiven Effekt haben. Die Dauer und Intensität lassen sich dann Woche für Woche steigern, bis ein Ziel von 30 Minuten pro Tag erreicht ist. Wichtig ist dabei, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören und bei starken Schmerzen eine Pause einzulegen.

Geeignete Umgebungen und Untergrund

Weiche, ebene Untergründe wie Waldboden oder Tartanbelag sind gelenkschonender als harter Asphalt. Parks, Waldwege oder Flussuferpromenaden bieten ideale Bedingungen. Steigungen sollten zunächst vermieden werden, da sie das Kniegelenk stärker belasten.

Tipps zum Schutz der Gelenke beim Gehen

Geeignetes Schuhwerk

Ein gut gepolsterter Schuh mit stabiler Sohle und ausreichend Dämpfung ist beim Gehen mit Kniearthrose unverzichtbar. Orthopädische Einlagen können zusätzlich helfen, Fehlstellungen auszugleichen und die Belastung gleichmäßiger zu verteilen.

Hilfsmittel und Begleitmaßnahmen

Gehstöcke oder Nordic-Walking-Stöcke entlasten das Kniegelenk erheblich und verbessern gleichzeitig die Körperhaltung. Weitere empfehlenswerte Maßnahmen sind :

  • Aufwärmen vor dem Gehen durch leichte Dehnübungen
  • Kühlung des Knies nach dem Gehen bei Schwellungen
  • Regelmäßige physiotherapeutische Begleitung
  • Gewichtsreduktion bei bestehendem Übergewicht

Die Gonarthrose ist eine ernste, aber gut behandelbare Erkrankung. Die wichtigste Botschaft lautet : Bewegung, insbesondere regelmäßiges Gehen, ist keine Gefahr für das arthrotische Knie, sondern eine der wirksamsten Therapieformen. Erkenntnisse aus der Universitätsklinik Heidelberg bestätigen, was viele Orthopäden heute empfehlen: wer sich bewegt, schützt seine Gelenke besser als jemand, der schont. Entscheidend sind die richtige Dosierung, geeignetes Schuhwerk und eine schrittweise Steigerung der Belastung. Wer diese Grundsätze befolgt, kann seine Lebensqualität trotz Kniearthrose deutlich verbessern.

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