Orthopäden warnen: Nach der Winterpause machen viele Ü55-Jährige diesen Trainingsfehler

Geschrieben von Annika· 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert am vor 5 Stunden

Die ersten warmen Tage im März wirken wie ein Startschuss. Nach Monaten auf dem Sofa, mit steifen Hüften und einer gewissen Sehnsucht nach Bewegung, zieht es viele Menschen über 55 wieder nach draußen — in die Laufschuhe, aufs Rad, in den Sportverein. Die Motivation ist groß, der Körper aber hat sich über den Winter verändert: Sehnen haben an Elastizität verloren, Gelenke wurden weniger durchblutet, die stabilisierende Muskulatur hat an Spannung eingebüßt. Was sich im Kopf anfühlt wie eine Fortsetzung der letzten Herbstsaison, ist für den Bewegungsapparat in Wahrheit ein Neustart unter erschwerten Bedingungen.

Genau hier passiert der Fehler, vor dem Orthopäden in jeder Frühjahrssaison warnen: Ü55-Jährige steigen zu schnell auf dem Niveau wieder ein, auf dem sie im Oktober aufgehört haben. Die Folge sind nicht harmlose Muskelkater, sondern Reizungen der Achillessehne, Überlastungen im Kniegelenk, Entzündungen der Plantarfaszie oder Stressfrakturen im Mittelfuß. Diese Verletzungen entstehen nicht durch einen einzigen falschen Schritt, sondern durch eine systematische Überschätzung der aktuellen Belastbarkeit. Wer den Wiedereinstieg klug plant, kann genau das vermeiden — und die Saison ohne Zwangspause genießen.

Der zentrale fehler: Belastung von oktober, körper von märz

Im Herbst liefen Sie vielleicht dreimal pro Woche je 8 Kilometer mit solidem Tempo. Im März ist der Reflex groß, genau dort weiterzumachen. Orthopädisch betrachtet ist das vergleichbar mit einem Kaltstart eines Motors, der monatelang still stand — bei Volllast. Die Muskulatur kann kurzfristig kompensieren, was Bänder und Sehnen nicht leisten können. Sehnengewebe braucht deutlich länger als Muskelfasern, um sich an steigende Belastung anzupassen: Während Muskeln innerhalb von zwei bis drei Wochen auf Trainingsreize reagieren, benötigen Sehnen und Gelenkknorpel sechs bis acht Wochen, um strukturell nachzuziehen. Wer in dieser Lücke zu viel fordert, riskiert Schäden, die sich erst Wochen später bemerkbar machen — dann aber die gesamte Saison kosten können.

Was sich über den winter konkret verändert hat

Zwischen November und März finden im Körper mehrere stille Rückbauprozesse statt, die sich nicht unmittelbar spüren lassen. Die propriozeptive Fähigkeit — also das unbewusste Zusammenspiel von Gleichgewicht, Gelenkstellung und Muskelansteuerung — nimmt bei Inaktivität messbar ab. Das bedeutet: Der Fuß setzt auf unebenem Untergrund weniger präzise auf, das Kniegelenk wird bei Richtungswechseln schlechter stabilisiert, die Rumpfmuskulatur reagiert verzögert auf Balanceanforderungen. Gleichzeitig sinkt die Knochendichte bei fehlender Stoßbelastung leicht ab — besonders relevant für Frauen nach der Menopause.

Hinzu kommt ein Faktor, den viele unterschätzen: die veränderte Hydration des Gelenkknorpels. Knorpel ernährt sich nicht über Blutgefäße, sondern über Be- und Entlastung — ein Schwammprinzip. Fehlt diese rhythmische Kompression über Wochen, wird der Knorpel weniger elastisch und weniger belastbar. Ein plötzlicher Lauf über Asphalt trifft dann auf eine Struktur, die darauf schlicht nicht vorbereitet ist.

Die 50-prozent-regel als orthopädische leitlinie

Die Empfehlung der meisten Sportorthopäden für den Wiedereinstieg nach einer Winterpause von mehr als sechs Wochen lautet: Starten Sie bei höchstens 50 Prozent Ihres letzten gewohnten Umfangs — sowohl in der Dauer als auch in der Intensität. Wer im Oktober 30 Kilometer pro Woche gelaufen ist, beginnt im März mit maximal 15 Kilometern, verteilt auf drei bis vier kürzere Einheiten. Das Tempo bleibt in den ersten zwei Wochen bewusst im unteren aeroben Bereich, erkennbar daran, dass Sie sich beim Laufen noch flüssig unterhalten können, ohne nach Luft zu schnappen.

Die Steigerung folgt der sogenannten 10-Prozent-Regel: Pro Woche sollte der Gesamtumfang um nicht mehr als ~10 Prozent zunehmen. Das fühlt sich am Anfang frustrierend langsam an. Aber diese Geduld ist der Unterschied zwischen einer Saison, die im Juni erst richtig Fahrt aufnimmt, und einer, die im April mit einer Achillessehnenreizung endet.

Die vier häufigsten frühjahrsverletzungen bei ü55-Jährigen

Achillessehnentendinopathie. Die Achillessehne ist die am stärksten belastete Sehne des Körpers. Nach einer Winterpause ist sie weniger durchblutet, steifer und reagiert empfindlich auf schnelle Tempowechsel und Bergaufläufe. Typisches Warnsignal: ein dumpfer, ziehender Schmerz oberhalb der Ferse, der sich nach dem Aufwärmen zunächst bessert, nach dem Training aber wiederkommt — morgens beim Aufstehen oft am stärksten.

Patellofemorales Schmerzsyndrom. Schmerzen rund um die Kniescheibe, ausgelöst durch eine Kombination aus abgeschwächter Oberschenkelmuskulatur und plötzlicher Belastung beim Treppensteigen, Radfahren oder Kniebeugen. Betrifft besonders Menschen, die über den Winter kaum Krafttraining gemacht haben.

Plantarfasziitis. Eine Reizung der Sehnenplatte unter dem Fuß, häufig bei Wiedereinsteigern, die mit abgelaufenen Schuhen oder auf hartem Untergrund trainieren. Der typische stechende Schmerz unter der Ferse beim ersten Auftreten morgens ist ein deutliches Signal.

Stressfrakturen im Mittelfuß. Mikrobrüche in den Mittelfußknochen durch zu schnelle Umfangsteigerung bei reduzierter Knochendichte. Die Schmerzen kommen schleichend, sind belastungsabhängig und werden oft wochenlang als hartnäckige Prellung abgetan.

Was orthopäden für die ersten vier wochen empfehlen

Die Reihenfolge lautet: erst Mobilität, dann Stabilität, dann Ausdauer, zuletzt Intensität. In der ersten Woche sollte der Fokus auf täglicher Bewegung mit niedriger Belastung liegen — zügiges Gehen, leichtes Radfahren auf ebenem Terrain, Schwimmen. Ab der zweiten Woche kommen gezielte Stabilisationsübungen hinzu: Einbeinstand auf weichem Untergrund, Wandsitzen mit dem Rücken an der Wand, Wadenheben von einer Treppenstufe mit kontrolliertem Absenken. Diese exzentrischen Belastungen — also das kontrollierte Nachgeben unter Last — sind der wirksamste Schutz für Sehnen und Gelenkstrukturen.

Erst ab Woche drei empfehlen die meisten Sportmediziner moderate Laufeinheiten, idealerweise im Wechsel mit Gehphasen: drei Minuten Laufen, zwei Minuten Gehen, insgesamt ~20 bis 25 Minuten. Das klingt nach Anfängerprogramm. Für einen Körper, der seit November keinen Laufschritt getan hat, ist es genau das Richtige.

Der schuhfaktor

Ein Detail, das orthopädisch erheblich ist: Laufschuhe, die seit Oktober im Schrank standen, haben über den Winter an Dämpfungseigenschaft verloren. Die Zwischensohle aus EVA-Schaum oder ähnlichen Materialien verhärtet bei Nichtgebrauch. Schuhe, die vor der Winterpause bereits ~600 bis 800 Kilometer auf dem Zähler hatten, sollten nicht mehr für den Wiedereinstieg verwendet werden. Ein Fachgeschäft mit Laufbandanalyse kann für ~120 bis 180 € ein passendes Modell empfehlen — eine Investition, die günstiger ist als drei Physiotherapie-Sitzungen.

Das warnsignal-prinzip: Wann stoppen, wann weitermachen

Normal und erwartbar nach den ersten Einheiten: leichter Muskelkater in den Waden oder der vorderen Oberschenkelmuskulatur, ein Gefühl von schweren Beinen am Tag danach, leichte Steifheit morgens, die sich nach fünf Minuten Gehen auflöst. Das zeigt, dass der Körper arbeitet.

Grund zur Pause und ärztlichen Abklärung: Schmerzen, die während der Belastung stärker werden statt nachzulassen. Schwellungen an Gelenken, die nach 48 Stunden nicht abklingen. Schmerzen, die nur auf einer Körperseite auftreten und sich über mehrere Tage verstärken. Morgendliche Anlaufschmerzen, die länger als zehn Minuten anhalten. In all diesen Fällen gilt: Nicht durchbeißen. Training unterbrechen und einen Orthopäden oder Sportmediziner aufsuchen.

Der blick des facharztes

„Der klassische Frühjahrsfehler meiner Patienten über 55 ist nicht fehlende Motivation — davon haben die meisten reichlich. Es ist das Ausblenden der biologischen Realität. Sehnen, Knorpel und Knochen haben kein Gedächtnis für die Leistung vom letzten Herbst. Sie reagieren nur auf die aktuelle Belastung. Wer in den ersten vier Wochen die Eitelkeit ablegt und dem Körper Zeit gibt, baut ein Fundament, das die ganze Saison trägt. Wer das nicht tut, sehe ich im Mai in meiner Praxis wieder.“

Fragen, die sich viele wiedereinsteiger stellen

Ist ein ärztlicher check-up vor dem wiedereinstieg nötig?

Für alle über 55, die länger als drei Monate keinen Sport getrieben haben, empfehlen die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie viele Hausärzte einen Belastungscheck — insbesondere ein Belastungs-EKG. Das gilt verstärkt bei bekanntem Bluthochdruck, Diabetes oder familiärer Vorbelastung für Herzerkrankungen. Der Hausarzt kann einschätzen, ob weitere Untersuchungen sinnvoll sind.

Zählt spazierengehen über den winter als ausreichende grundlage?

Tägliches Gehen von 30 Minuten oder mehr erhält eine gewisse Grundkondition und hält Gelenke mobiler als komplette Inaktivität. Trotzdem fehlen die sportspezifischen Belastungsmuster — Stoßbelastung beim Laufen, Drehmomente beim Tennis, Zugbelastung beim Schwimmen. Der Wiedereinstieg sollte also auch nach einem aktiven Winter mit reduziertem Umfang beginnen, nur die Anlaufphase darf kürzer sein.

Sind nahrungsergänzungsmittel wie kollagen oder glucosamin sinnvoll?

Die Studienlage zu Kollagenhydrolysat und Glucosamin ist gemischt. Einige Untersuchungen zeigen moderate positive Effekte auf die Gelenkgesundheit bei regelmäßiger Einnahme über mehrere Monate. Eine Garantie für Schutz vor Überlastungsschäden bieten sie nicht. Wer solche Supplemente einnehmen möchte, sollte dies mit dem Hausarzt oder einem Ernährungsmediziner besprechen — insbesondere bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme.

Krafttraining oder ausdauer — was hat vorrang beim wiedereinstieg?

Orthopädisch betrachtet: Krafttraining. Gezieltes Training der gelenkstabilisierenden Muskulatur — Oberschenkel, Gesäß, Waden, Rumpf — schützt die passiven Strukturen vor Überlastung, sobald die Ausdauerbelastung steigt. Zwei kurze Krafteinheiten pro Woche mit Eigengewicht oder leichten Widerständen in den ersten drei Wochen schaffen die Basis, auf der Laufen, Radfahren oder Wandern sicherer möglich wird.

Wie erkenne ich den unterschied zwischen muskelkater und einer beginnenden verletzung?

Muskelkater tritt typisch 24 bis 48 Stunden nach der Belastung auf, betrifft die beanspruchte Muskulatur symmetrisch auf beiden Körperseiten und lässt innerhalb von zwei bis drei Tagen nach. Eine beginnende Verletzung zeigt sich hingegen oft einseitig, punktuell, belastungsabhängig und verschlechtert sich über mehrere Tage. Wenn Schmerzen beim Training stärker werden statt sich einzulaufen, ist das ein klares Stoppsignal.

Dieser Artikel ist zu Informations- und Aufklärungszwecken verfasst. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden, Schmerzen oder Unsicherheiten wenden Sie sich an Ihren Hausarzt, einen Orthopäden oder einen qualifizierten Sportmediziner.

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