Sauerbraten einlegen: Alexander Herrmann nimmt statt Essig diesen einen Rotwein aus Franken

Geschrieben von Barbara· 10 Min. Lesezeit
Sauerbraten einlegen: Alexander Herrmann nimmt statt Essig diesen einen Rotwein aus Franken
Sauerbraten einlegen: Alexander Herrmann nimmt statt Essig diesen einen Rotwein aus Franken

Wenn der April in Franken seine ersten warmen Tage zeigt, liegt auf den Märkten noch das Beste des frühen Frühlings: zarte Frühlingszwiebeln, junges Wurzelgemüse, die ersten Kräuter. Doch im Kühlschrank vieler fränkischer Haushalte vollzieht sich längst eine stille Tradition: das Einlegen des Sauerbraten. Mindestens drei Tage, besser eine ganze Woche braucht das Fleisch, um tief in sich aufzunehmen, was die Beize ihm anbietet. Und genau an dieser Stelle trennt sich das Handwerk vom Alltäglichen.

Alexander Herrmann, Sternekoch aus Wirsberg in Oberfranken und einer der bekanntesten Botschafter der fränkischen Küche, hat in seinem Umgang mit dem Sauerbraten eine Entscheidung getroffen, die auf den ersten Blick simpel wirkt, den Charakter des Gerichts jedoch grundlegend verändert: Er verzichtet auf Essig und legt das Fleisch stattdessen ausschließlich in einen fränkischen Rotwein ein. Was das bewirkt, warum diese Wahl alles andere als beliebig ist und wie Sie diesen Sauerbraten zu Hause umsetzen, erfahren Sie hier. Binden Sie Ihre Schürze.

Vorbereitung30 Min.
Einlegezeit5–7 Tage
Garzeitca. 2,5 Std.
Portionen6 Personen
SchwierigkeitsgradMittel
Kosten€€
SaisonFrühling · Wurzelgemüse · Zwiebeln

Zutaten

Für das Fleisch und die Weinbeize

  • 1,5 kg Rindfleisch aus der Keule (Ober- oder Unterschale), gut abgehangen
  • 750 ml fränkischer Rotwein — Herrmann empfiehlt einen kräftigen Domina oder Blaufränkischen aus dem Steigerwald
  • 2 mittelgroße Zwiebeln, grob gewürfelt
  • 2 Karotten, in Scheiben
  • 1 Stange Sellerie, grob geschnitten
  • 3 Lorbeerblätter
  • 6 Wacholderbeeren, leicht angedrückt
  • 5 Pimentkörner
  • 10 schwarze Pfefferkörner
  • 3 Nelken
  • 1 TL Salz
  • 1 TL Zucker

Für die Sauce und den Schmorfond

  • 3 EL Butterschmalz oder neutrales Öl
  • 200 ml Rinderbrühe
  • 2 EL Tomatenmark
  • 3 EL Lebkuchen (Elisenlebkuchen, ohne Oblate), zerbröselt — das fränkische Schlüsselelement
  • 1 EL Preiselbeerkonfitüre
  • Salz und frisch gemahlener Pfeffer

Ustensilien

  • Großer Schmortopf mit Deckel (Gusseisen oder emailliert, mindestens 4 Liter Fassungsvermögen)
  • Verschließbares Keramik- oder Glasgefäß für die Beize (kein Metall)
  • Feines Sieb oder Passiertuch
  • Fleischthermometer (empfohlen)
  • Holzlöffel und Schöpfkelle

Vorbereitung

1. Die Weinbeize ansetzen — der entscheidende Unterschied

Erhitzen Sie den fränkischen Rotwein zusammen mit Zwiebeln, Karotten, Sellerie, Lorbeerblättern, Wacholderbeeren, Piment, Pfeffer, Nelken, Salz und Zucker in einem Topf. Bringen Sie alles kurz zum Kochen, reduzieren Sie die Hitze und lassen Sie die Beize 5 Minuten sanft köcheln. Ziel ist, die Aromen zu öffnen und den Alkohol leicht anzubinden, ohne ihn vollständig zu verflüchtigen. Lassen Sie die Beize anschließend vollständig auf Raumtemperatur abkühlen — niemals heißes Einlegen, das würde das Fleisch an der Oberfläche garen und abdichten. Der Verzicht auf Essig ist hier nicht nur Stil, sondern Substanz: Wein bringt Tannine, Frucht und Tiefe, ohne die metallische Schärfe, die Essigbeizen dem Fleisch manchmal hinterlassen. Das Ergebnis ist eine Beize mit Seele, nicht mit Säurespitze.

2. Das Fleisch einlegen — Geduld als Zutat

Trocknen Sie das Rindfleisch mit Küchenpapier ab. Legen Sie es in ein nicht-metallisches Gefäß — Keramik oder Glas sind ideal, da Metall mit der Säure des Weins reagieren kann. Gießen Sie die ausgekühlte Beize vollständig über das Fleisch: Es sollte so vollständig wie möglich vom Wein bedeckt sein. Decken Sie das Gefäß luftdicht ab und stellen Sie es in den Kühlschrank. Drehen Sie das Fleisch einmal täglich um, damit alle Seiten gleichmäßig durchdringen. Die ideale Einlegezeit liegt bei 5 bis 7 Tagen: In dieser Zeitspanne wandert der Wein tief in die Fleischfasern, die Proteine lockern sich auf, und das Bindegewebe beginnt, weich zu werden — ein biochemischer Prozess, der keiner Abkürzung verträgt.

3. Das Fleisch anbraten — die Maillard-Reaktion nutzen

Nehmen Sie das Fleisch aus der Beize und tupfen Sie es gründlich trocken. Seihen Sie die Beizflüssigkeit durch ein feines Sieb ab und bewahren Sie sie auf — sie ist die Grundlage der Sauce. Erhitzen Sie den Schmortopf bei hoher Temperatur. Geben Sie das Butterschmalz hinein und warten Sie, bis es leise zu rauchen beginnt. Legen Sie das Fleisch ein und lassen Sie es ohne Bewegen anbraten: Erst wenn sich eine tief mahagonibraune Kruste gebildet hat, wenden Sie das Fleisch. Die Maillard-Reaktion — die chemische Verbindung zwischen Aminosäuren und Zuckern bei Hitze — ist verantwortlich für die komplexen Röstaromen, die dem Sauerbraten seinen typisch nussig-dunklen Geschmack geben. Das Anbraten dauert auf allen Seiten insgesamt 8 bis 10 Minuten.

4. Den Schmorvorgang aufbauen

Reduzieren Sie die Hitze auf mittlere Stufe. Geben Sie das Tomatenmark in den Topf und rösten Sie es 2 Minuten mit an — es verfärbt sich von hellrot zu einem dunklen, karamelligen Rotbraun, und der rohe Tomatengeschmack verschwindet vollständig. Gießen Sie dann die abgeseihte Beizflüssigkeit portionsweise an und schaben Sie dabei mit einem Holzlöffel alle Röststücke vom Topfboden. Fügen Sie die Rinderbrühe hinzu. Das Fleisch sollte zur Hälfte in Flüssigkeit stehen, keinesfalls vollständig bedeckt sein — es schmort, es badet nicht. Legen Sie den Deckel auf, reduzieren Sie die Hitze auf niedrige Stufe und lassen Sie den Sauerbraten 2 bis 2,5 Stunden garen. Die Kerntemperatur sollte am Ende bei 88–92 °C liegen.

5. Die Sauce vollenden — Lebkuchen statt Mehl

Nehmen Sie das Fleisch aus dem Topf und lassen Sie es, lose mit Alufolie abgedeckt, 15 Minuten ruhen, damit die Fasern sich entspannen und die Säfte sich verteilen. Derweil passieren Sie den Schmorfond durch das Sieb in einen kleinen Topf. Rühren Sie den zerbröselten Elisenlebkuchen ein: Er bindet die Sauce, süßt sie dezent und bringt Zimt, Orangenschale und Mandel hinein — fränkische DNA in flüssiger Form. Rühren Sie die Preiselbeerkonfitüre unter und schmecken Sie mit Salz, Pfeffer und bei Bedarf einem kleinen Schluck des verbliebenen Rotweins ab. Lassen Sie die Sauce bei mittlerer Hitze auf die gewünschte Konsistenz einreduzieren: Sie soll die Rückseite eines Löffels gleichmäßig überziehen, nappieren nennt man das in der Fachsprache.

Mein Tipp aus der Profiküche

Alexander Herrmann betont bei seinem Sauerbraten regelmäßig die Weinwahl als nicht verhandelbar: Ein fränkischer Domina — die im Steigerwald gezüchtete Kreuzung aus Portugieser und Blauem Spätburgunder — bringt durch seinen hohen Gerbstoffgehalt exakt die Struktur mit, die das Fleisch braucht, ohne durch Fruchtzucker zu überladen. Wer keinen Domina findet, greift zu einem kräftigen Trollinger aus Württemberg oder einem bodenständigen Zweigelt aus Österreich. Und noch ein Handgriff, der den Unterschied macht: Trocknen Sie das Fleisch vor dem Anbraten so gründlich wie möglich. Jeder Tropfen Feuchtigkeit verzögert die Krustenbildung um wertvolle Minuten — und die Kruste ist das erste Aroma, das die Sauce trägt.

Weinbegleitung

Ein Gericht, das mit Wein eingelegt, mit Wein geschmort und durch Wein aromatisiert wurde, verlangt nach einem Partner auf Augenhöhe — keinem leichten Begleiter, sondern einem Wein mit Standfestigkeit und reifer Frucht.

Zum Sauerbraten passt ein fränkischer Domina Spätlese aus dem Steigerwald hervorragend: Die getrocknete Pflaume, das Ledertabak-Aroma und die warmen Tannine greifen nahtlos in die Sauce über. Als zugänglichere Alternative eignet sich ein Regent aus deutschem Anbau oder ein milder Merlot aus der Pfalz. Wer ohne Alkohol trinkt, wählt eine dunkle Traubenschorle — am besten mit einem Spritzer Wacholderessig für die nötige Frische.

Geschichte und Herkunft des Sauerbraten

Der Sauerbraten gehört zu den wenigen deutschen Gerichten, die sich einer gesicherten überregionalen Geschichte rühmen können. Seine Wurzeln liegen im Mittelalter, als das Einlegen von Fleisch in saure Beizen eine Notwendigkeit war: Kühlschränke existierten nicht, und die Säure verhinderte das Verderben. Gleichzeitig wirkte sie als natürlicher Mürber — hartes, sehnenreiches Fleisch wurde durch tagelange Säurewirkung weich und bekömmlich. In Franken hat der Sauerbraten eine besonders starke regionale Identität entwickelt: Die Zugabe von Lebkuchen zur Sauce, eine Spezialität, die in keiner anderen deutschen Sauerbraten-Variante so konsequent gepflegt wird, ist hier seit Generationen verwurzelt.

Herrmanns Entscheidung, die Essigkomponente vollständig durch Rotwein zu ersetzen, ist keine Erfindung, sondern eine konsequente Zuspitzung der fränkischen Tradition: Wein statt Schärfe, Frucht statt Säurespitze, Region statt Beliebigkeit.

Nährwertangaben (pro Portion, ungefähre Werte)

NährstoffMenge
Kalorien~520 kcal
Eiweiß~48 g
Kohlenhydrate~14 g
davon Zucker~6 g
Fett~24 g
Ballaststoffe~2 g

Häufig gestellte Fragen

Kann ich den Sauerbraten im Voraus zubereiten?

Ja — und er profitiert sogar davon. Fertig geschmorter Sauerbraten schmeckt am nächsten Tag besser als frisch, weil die Aromen in der Ruhezeit weiter in das Fleisch einziehen. Bewahren Sie das Fleisch in der Sauce im Kühlschrank auf und erwärmen Sie alles am Folgetag bei niedriger Hitze langsam auf. Die Sauce lässt sich separat aufbewahren und bei Bedarf durch ein Sieb passieren und nachgewürzt aufkochen.

Welcher Rotwein eignet sich, wenn kein fränkischer erhältlich ist?

Alexander Herrmann empfiehlt explizit den fränkischen Domina, aber in der Praxis funktioniert jeder tanninreiche, trockene Rotwein ohne ausgeprägte Holznoten. Ein kräftiger Blaufränkischer aus dem Burgenland, ein Zweigelt oder ein einfacher Côtes du Rhône sind gangbare Alternativen. Wichtig ist: kein Wein, den man nicht auch trinken würde — Kochqualität beginnt bei der Zutat, nicht erst am Herd.

Wie lange muss das Fleisch mindestens eingelegt werden?

Drei Tage sind das absolute Minimum, um eine spürbare Wirkung zu erzielen. Bei weniger als 72 Stunden durchdringt die Beize das Fleisch nur oberflächlich, und die charakteristische Geschmackstiefe bleibt aus. Das Optimum liegt bei 5 bis 7 Tagen: In diesem Zeitraum verändern die Tannine des Weins die Fleischfasern merklich, das Kollagen beginnt aufzuweichen, und das gesamte Stück nimmt eine gleichmäßige, tief kastanienbraune Färbung an.

Kann ich das Fleisch auch in einer Beizkur ohne Kochen ansetzen?

Ja, das ist möglich und in manchen traditionellen Rezepten sogar die Norm. Das kurze Aufkochen der Beize hat jedoch zwei Vorteile: Es öffnet die Aromen der Gewürze schneller und stärker, und es reduziert die Keimbelastung in der Flüssigkeit, was bei langen Einlegezeiten von über fünf Tagen hygienisch sinnvoll ist. Wer kalte Beize bevorzugt, sollte besonders auf eine lückenlose Kühlkette und tägliches Wenden achten.

Was passt als Beilage zum fränkischen Sauerbraten?

Der klassische Begleiter ist der fränkische Kloß — halb aus rohen, halb aus gegarten Kartoffeln, mit der Fähigkeit, die dunkle Rotwein-Lebkuchen-Sauce vollständig aufzusaugen. Als Gemüsebeilage passt Rotkohl mit Apfel und Nelke sehr gut: Die leichte Süße kontert die Herbe des Weins. Im April bieten sich auch erste Frühlingszwiebeln und junges Wurzelgemüse als leichtere Ergänzung an, wenn Sie dem Gericht eine frischere Note geben möchten.

Teilen