Sarkopenie: Jeder dritte Ü60 betroffen – diese 5 Übungen beugen laut RKI-Daten vor

Geschrieben von Annika· 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert am vor 5 Stunden

Die Kraft in den Oberschenkeln lässt nach, das Treppensteigen wird spürbar anstrengender, und der Griff um den Marmeladenglasdeckel fühlt sich schwächer an als noch vor ein paar Jahren. Was viele als normales Altern abtun, hat einen klinischen Namen: Sarkopenie — der fortschreitende, altersbedingte Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft. Laut Auswertungen des Robert Koch-Instituts betrifft dieses Phänomen in Deutschland rund jeden dritten Menschen über 60 Jahre. Das Tückische daran: Der Abbau beginnt schleichend, oft schon ab dem 50. Lebensjahr, und bleibt lange unbemerkt.

Die gute Nachricht: Sarkopenie ist kein unaufhaltsames Schicksal. Gezielte Muskelarbeit kann den Verlust bremsen, teilweise sogar umkehren — und zwar in jedem Alter. Die folgenden fünf Übungen setzen genau dort an, wo der Abbau am stärksten zuschlägt: an den großen Muskelgruppen der Beine, des Rumpfes und des Oberkörpers. Sie brauchen dafür weder ein Fitnessstudio noch teure Geräte. Wer heute anfängt, investiert in die Selbstständigkeit von morgen.

Dauer des ProgrammsFortlaufend — erste spürbare Effekte nach ~6–8 Wochen
Dauer pro Einheit~20–25 min
Häufigkeit3-mal pro Woche, nicht an aufeinanderfolgenden Tagen
NiveauEinsteiger bis leicht Fortgeschrittene
MaterialStabiler Stuhl, optional: Theraband oder leichte Hanteln (1–3 kg)
HauptzielMuskelerhalt · Sturzprävention · Alltagskraft
Ideale JahreszeitGanzjährig — der Frühling eignet sich besonders gut für den Einstieg

Vor dem Start: Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin, besonders wenn Sie an Osteoporose, Gelenkerkrankungen, Herzkreislauf-Problemen leiden oder länger als sechs Monate keinen Sport getrieben haben. Bei akuten Gelenk- oder Rückenschmerzen sind einzelne Übungen kontraindiziert. Treten während einer Übung stechende Schmerzen, Schwindel oder Atemnot auf, brechen Sie sofort ab und suchen Sie ärztlichen Rat.

Material und Umgebung

  • Ein stabiler Stuhl ohne Rollen — Lehne zur Wand gedreht für sicheren Halt
  • Rutschfeste Schuhe oder barfuß auf einer Gymnastikmatte
  • Ein Theraband mittlerer Stärke oder zwei Wasserflaschen (je 0,5–1 l) als Gewichte
  • Ausreichend Platz: etwa 2 × 2 Meter reichen
  • Ein Glas Wasser in Reichweite — gerade im Frühling unterschätzt man den Flüssigkeitsbedarf bei Zimmertraining

Die 5 Übungen gegen Sarkopenie

Übung 1 — Stuhlgestütztes Aufstehen und Hinsetzen

Diese Übung ist der Goldstandard der Sarkopenie-Prävention, weil sie exakt die Bewegung trainiert, die im Alltag am häufigsten versagt: das Aufstehen aus dem Sitzen. Setzen Sie sich auf die vordere Hälfte eines stabilen Stuhls, die Füße hüftbreit aufgestellt. Stehen Sie langsam auf, ohne sich mit den Händen abzudrücken — die gesamte Arbeit kommt aus dem Quadrizeps, dem großen Oberschenkelmuskel, und aus der Gesäßmuskulatur. Oben kurz verweilen, dann kontrolliert wieder hinsetzen, ohne sich fallen zu lassen. Zählen Sie beim Hinsetzen innerlich bis drei — dieses langsame Exzentrische, also das bremsende Nachlassen der Muskelspannung, ist für den Muskelaufbau besonders wirksam. Starten Sie mit 8 Wiederholungen, Pause von 60 Sekunden, dann ein zweiter Durchgang. Wenn 2 × 12 Wiederholungen gelingen, ohne dass die Oberschenkel brennen, halten Sie ein Gewicht vor der Brust oder verschränken die Arme. Sie sollten am Ende jedes Satzes eine deutliche Muskelermüdung in der Oberschenkelvorderseite spüren — nicht Schmerz, sondern Schwere.

Übung 2 — Wandliegestütz

Klassische Liegestütze am Boden überfordern viele Ü60-Einsteiger an Handgelenken und Schultern. Die Variante an der Wand reduziert die Last und ermöglicht trotzdem gezieltes Training von Brust, Schultern und Trizeps — dem Armstrecker, der beim Abstützen und Tragen entscheidend ist. Stellen Sie sich etwa eine Armlänge von der Wand entfernt auf, Hände schulterbreit an die Wand gesetzt, Finger zeigen leicht nach außen. Beugen Sie die Arme, bis die Nasenspitze fast die Wand berührt, und drücken Sie sich kontrolliert zurück. Der Körper bleibt dabei gerade wie ein Brett — kein Hohlkreuz, kein Vorschieben des Kopfes. Spüren Sie die Spannung zwischen den Schulterblättern und in der Brustmuskulatur. 2 × 10 Wiederholungen zum Einstieg. Wird es zu leicht, erhöhen Sie den Abstand zur Wand oder nutzen Sie eine Tischkante als Stützfläche.

Übung 3 — Einbeiniges Stehen mit Stuhlsicherung

Sarkopenie betrifft nicht nur die rohe Kraft — sie untergräbt auch das neuromuskuläre Zusammenspiel, also die Fähigkeit der Nerven, Muskeln schnell und präzise anzusteuern. Genau dieses Zusammenspiel verhindert Stürze. Stellen Sie sich seitlich neben die Stuhllehne, eine Hand liegt locker auf, ohne sich zu stützen. Heben Sie den äußeren Fuß wenige Zentimeter vom Boden ab. Halten Sie die Position 20 bis 30 Sekunden, wechseln Sie dann das Bein. Die Muskulatur rund um Sprunggelenk und Knie arbeitet ununterbrochen an feinen Korrekturen — das spüren Sie als leichtes Zittern oder Wackeln. Das ist erwünscht. Ziel sind 3 Durchgänge pro Seite. Fortgeschrittene schließen die Augen oder lassen die Stuhllehne los. Wenn Sie regelmäßig stolpern oder sich unsicher fühlen, besprechen Sie das Sturzrisiko mit Ihrem Hausarzt.

Übung 4 — Fersenheben im Stand

Die Wadenmuskulatur, genauer der Musculus gastrocnemius und der tiefer liegende Soleus, ist für das Gehen, Treppensteigen und das Abfangen von Stolperern unverzichtbar — und gehört zu den Muskeln, die im Alter am schnellsten schrumpfen. Stellen Sie sich hüftbreit hin, Hände an der Stuhllehne. Drücken Sie sich langsam auf die Zehenspitzen, halten Sie oben zwei Sekunden, und senken Sie die Fersen kontrolliert wieder ab, ohne den Boden zu berühren. 2 × 15 Wiederholungen. Konzentrieren Sie sich auf die Spannung in der Wade und das Gefühl der Dehnung beim Absenken. Wer es steigern möchte, führt die Übung einbeinig aus — wieder mit Stuhlsicherung. Eine gut trainierte Wade verbessert die Gangsicherheit messbar.

Übung 5 — Rudern mit Theraband

Die Muskulatur des oberen Rückens — Rhomboiden, Trapezius und Latissimus — stabilisiert die Wirbelsäule und ermöglicht aufrechtes Gehen. Ihr Abbau begünstigt den Rundrücken und das nach vorn Kippen des Oberkörpers, was wiederum das Sturzrisiko erhöht. Wickeln Sie ein Theraband um eine Türklinke oder Treppengeländerstange in Brusthöhe. Greifen Sie beide Enden, treten Sie so weit zurück, dass das Band leicht gespannt ist. Ziehen Sie die Ellenbogen nach hinten, als wollten Sie Ihre Schulterblätter zusammenpressen. Langsam zurückführen — auch hier zählt die kontrollierte Rückbewegung. 2 × 12 Wiederholungen. Ohne Theraband geht die Übung auch mit gefüllten Wasserflaschen im vorgebeugten Stand: Oberkörper 45 Grad nach vorn geneigt, Rücken gerade, Flaschen zu den Hüften ziehen. Sie sollten die Arbeit zwischen den Schulterblättern spüren, nicht im Nacken.

Was die Forschung dazu sagt

Die europäische Arbeitsgruppe für Sarkopenie (EWGSOP2) definiert die Erkrankung seit 2019 über zwei Kriterien: verminderte Muskelkraft und verminderte Muskelmasse. Resistenztraining — also Übungen gegen Widerstand — gilt in der aktuellen Studienlage als wirksamste nicht-medikamentöse Maßnahme. Eine Metaanalyse im Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle zeigt, dass bereits zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche die Muskelproteinsynthese bei älteren Erwachsenen messbar anregen. Das RKI betont in seinen Gesundheitsberichten zur Bevölkerung ab 60, dass regelmäßige körperliche Aktivität nicht nur den Muskelabbau bremst, sondern auch das Risiko für Stürze, Krankenhausaufenthalte und Pflegebedürftigkeit senkt. Der Effekt tritt auch bei Menschen ein, die erst mit 70 oder 80 Jahren beginnen — die Muskulatur bleibt bis ins hohe Alter trainierbar.

Der Blick des Professionellen

Viele meiner Patienten unterschätzen, wie wenig Reiz nötig ist, um den Muskelabbau aufzuhalten — und überschätzen gleichzeitig, wie schnell sichtbare Ergebnisse kommen. Die ersten Wochen trainiert vor allem das Nervensystem: Die Muskeln feuern koordinierter, die Bewegungen werden sicherer. Das fühlt sich an, als würde man stärker, obwohl sich am Umfang noch nichts verändert hat. Gerade im Frühling, wenn die Tage länger werden und die Stimmung steigt, ist die Motivation hoch — nutzen Sie diesen Schwung, aber steigern Sie die Belastung nicht zu schnell. Zwei bis drei Einheiten pro Woche, konsequent über Monate, schlagen jedes intensive Vier-Wochen-Programm.

Ernährung und Erholung

Muskelaufbau braucht Baustoff. Ab 60 steigt der Proteinbedarf auf etwa ~1,0 bis 1,2 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag — das empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als Orientierungswert bei älteren Erwachsenen. Verteilen Sie die Eiweißzufuhr auf alle Mahlzeiten: Quark oder Ei zum Frühstück, Hülsenfrüchte oder Fisch zu Mittag, Milchprodukt oder Nüsse am Abend. Ausreichend trinken — ~1,5 Liter täglich, bei Training etwas mehr — unterstützt die Nährstoffversorgung der Muskulatur. Werte sind individuell: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einer Ernährungsfachkraft, besonders bei Nierenerkrankungen.

An trainingsfreien Tagen regeneriert der Muskel und wird stärker — Ruhetage sind keine Faulheit, sondern Teil des Programms. Leichte Spaziergänge an der frischen Frühlingsluft fördern die Durchblutung, ohne die Erholung zu behindern. Achten Sie auf ~7 bis 8 Stunden Schlaf — im Schlaf schüttet der Körper Wachstumshormone aus, die den Muskelaufbau unterstützen.

Das Programm an den eigenen Körper anpassen

Wer unter Arthrose in den Knien leidet, reduziert beim Stuhlaufstehen den Bewegungsumfang — nur so tief wie schmerzfrei möglich. Bei Schulterproblemen kann das Rudern mit Theraband durch isometrisches Halten ersetzt werden: Band auf Spannung halten, Position 10 Sekunden fixieren, statt dynamisch zu ziehen. Menschen mit Osteoporose profitieren besonders von diesen Übungen, sollten aber ruckartige Bewegungen und starke Vorbeugung vermeiden. Wer mit 75 oder 80 beginnt, startet mit jeweils einem Satz statt zwei und steigert über Wochen.

Ermutigende Zeichen: Sie stehen leichter aus dem Sessel auf, das Treppensteigen kostet weniger Atem, der Einkaufsbeutel fühlt sich weniger schwer an. Warnsignale, bei denen Sie ärztlichen Rat suchen sollten: anhaltende Gelenkschmerzen nach dem Training, Schwellungen, Schwindel oder Muskelschwäche, die sich über Wochen nicht bessert.

Geschätztes Budget für Material (Richtwerte, je nach Anbieter und Zeitpunkt variabel)

PostenRichtwert
Gymnastikmatte~15–25 €
Theraband (mittlere Stärke)~8–12 €
Leichte Hanteln 2 × 1–3 kg (optional)~10–20 €
Gesamtkosten Einstieg~25–55 €

Häufig gestellte Fragen

Kann ich mit diesen Übungen beginnen, auch wenn ich seit Jahren keinen Sport gemacht habe?

Ja — die Übungen sind bewusst so gewählt, dass sie mit dem eigenen Körpergewicht und Stuhlsicherung funktionieren. Starten Sie mit weniger Wiederholungen und kürzerer Haltezeit. Lassen Sie sich vorab von Ihrem Hausarzt grünes Licht geben, besonders nach langer Inaktivität oder bei Vorerkrankungen.

Wie erkenne ich, ob ich Sarkopenie habe?

Typische Hinweise sind nachlassende Griffstärke, Schwierigkeiten beim Aufstehen ohne Armhilfe, verlangsamtes Gehtempo und häufiges Stolpern. Ein standardisierter Test ist der Chair-Stand-Test: Fünfmal so schnell wie möglich vom Stuhl aufstehen — dauert es länger als 15 Sekunden, empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung. Die Diagnose stellt der Arzt mittels Kraftmessung und gegebenenfalls Bildgebung.

Reichen diese Übungen allein, oder brauche ich zusätzliches Ausdauertraining?

Krafttraining ist bei Sarkopenie die wichtigste Säule. Ergänzendes Ausdauertraining — zügiges Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen — verbessert die Herzkreislauffitness und unterstützt den Stoffwechsel. Optimal sind laut WHO-Empfehlungen ~150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche zusätzlich zum Krafttraining. Beginnen Sie mit dem, was Ihnen möglich ist.

Kann ich die Übungen auch bei Knie- oder Hüftprothese durchführen?

In vielen Fällen ja, aber die Bewegungsamplitude und Belastung müssen individuell angepasst werden. Besprechen Sie die Übungen mit Ihrem Orthopäden oder Physiotherapeuten. In der Regel ist ein Trainingsbeginn ab etwa drei Monate nach der Operation und abgeschlossener Rehabilitation möglich.

Wann sind erste Fortschritte spürbar?

Die meisten Menschen bemerken nach zwei bis drei Wochen eine verbesserte Bewegungssicherheit — das liegt an der besseren neuromuskulären Ansteuerung. Messbare Kraftzuwächse zeigen sich nach etwa sechs bis acht Wochen regelmäßigem Training. Sichtbare Veränderungen der Muskelmasse brauchen länger: drei bis sechs Monate konsequentes Üben. Geduld ist hier keine Floskel, sondern physiologische Realität.

Dieser Artikel dient der Information und Gesundheitsaufklärung. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden, Schmerzen oder Unsicherheiten wenden Sie sich an Ihren Hausarzt oder eine qualifizierte Fachkraft im Gesundheitswesen.

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